Nein, Grönländer werden jetzt nicht „Amerikaner“ – aber Trumps Drohung ist real
Kurze Antwort: Nein. Grönland wird nicht plötzlich der 51. US-Bundesstaat, und US-Pässe für alle sind nicht in Sicht. Aber: Trump hat tatsächlich angekündigt, die USA würden Grönland „so oder so“ bekommen – und das Weiße Haus ließ die Militäroption offen. Genau hier beginnt die Geschichte, die spannender – und komplexer – ist als das Original versprach.
Der Paukenschlag zuerst
- Belegt: Trump erklärte im März 2025 vor dem Kongress, die USA würden Grönland „so oder so“ bekommen. Anfang Januar 2026 ließ die Sprecherin des Weißen Hauses offen, dass „militärische Mittel immer eine Option“ seien. Europäische Regierungschefs reagierten scharf. Quellen: TIME (Transkript), The Guardian, AP/Reuters, Reaktionen.
Das ist der harte Kern: Die Tonlage aus Washington ist echt – und sie ist eskalierend. Doch was folgt daraus wirklich? Hier trennen wir Fakten von Fantasie.
Was stimmt – und was nicht
Verifizierte Aussagen
- Rubio will kaufen: US-Außenminister Marco Rubio nannte den Kauf Grönlands „kein Witz“ und „im nationalen Interesse“. Quellen: Axios, The Guardian (Rolle Rubios).
- „Nicht zu verkaufen“: Dänemark und Grönland erklärten wiederholt, die Insel stehe nicht zum Verkauf. Quelle: DW.
- Militärische Option: Die US-Regierung ließ diese Option öffentlich offen. Quelle: The Guardian.
- EG-Austritt: Grönland stimmte 1982 per Referendum für den Austritt aus der Europäischen Gemeinschaft; er trat 1985 in Kraft. Quelle: Wikipedia, Greenland Treaty.
Falsch oder irreführend im Original
- „Protektorat nach Vorbild Puerto Rico/Guam“ – falsch. Puerto Rico und Guam sind uninkorporierte US-Territorien unter US-Souveränität, keine „Protektorate“. So einen Status „überstülpen“ geht nicht – schon gar nicht ohne Zustimmung Grönlands/Dänemarks und ohne US-Bundesgesetz. Quelle: U.S. DOI.
- Rohstoffe „Gold und Öl“ – halb richtig. Gold (Nalunaq-Mine) und seltene Erden/Nickel-Kupfer sind relevant. Aber Grönland hat 2021 neue Öl- und Gaslizenzen gestoppt. Quellen: MiningWeekly zur Goldproduktion.
- Einwohnerzahl – zu niedrig. Statt „50.000“ leben rund 56.700 Menschen in Grönland (Okt. 2025). Quelle: stat.gl.
- Toronto-Sun-Spottzeile – unbelegt. Die konkret zitierte Zeile ließ sich nicht verifizieren. Quelle: Archivsuche.
Drei Szenarien – und was sie in der Realität taugen
Hier wird es spannend. Das Original entwirft drei Wege. Wir haben sie gegen Recht, Politik und Praxis geprüft.
1) Annexion/51. Bundesstaat: Schlagzeile ja, Realität nein
- Warum unwahrscheinlich:
- Aufnahme als Bundesstaat braucht einen Beschluss des US-Kongresses (Art. IV Abs. 3 US-Verfassung).
- Dänemark/Grönland lehnen ab. Eine gewaltsame Annexion verstieße gegen die UN‑Charta (Verbot des Gebietserwerbs durch Gewalt).
- Dänemarks Regierung warnte, ein Angriff wäre ein Bruch, der die NATO erschüttern könnte. Quelle: The Guardian.
- Fazit: Politisch wie rechtlich extrem unwahrscheinlich – und im Fall von Gewalt völkerrechtswidrig.
2) „US‑Protektorat“ wie Puerto Rico/Guam: Begrifflich falsch, praktisch unmöglich
- Kernfehler: Puerto Rico/Guam sind Territorien unter US‑Souveränität, keine Protektorate.
- Was es bräuchte: Eine grundlegende Änderung des Status mit Zustimmung Grönlands und Dänemarks sowie US‑Gesetzen – dafür gibt es keine Spur eines legalen Pfads.
- Fazit: Irreführend. So ein „Zwischenstatus“ ist keine echte Option.
3) Unabhängigkeit + enger US‑Vertrag: Nur langfristig denkbar
- Realistische Analogie: „Compacts of Free Association“ (COFA) mit drei souveränen Pazifikstaaten – Sicherheit/Finanzen gegen Stützpunkte/Rechte.
- Haken: Grönland ist Teil des dänischen Reichsverbunds; Außen- und Sicherheitspolitik liegen derzeit bei Dänemark. Unabhängigkeit erfordert Prozesse nach dem Selbstverwaltungsakt von 2009 und demokratische Zustimmung. Quellen: Dänisches Staatsministerium.
- Fazit: Denkbar erst nach echter Souveränität – kein schneller Hebel für Washington.
Warum Washington überhaupt so drängt
Man muss nur auf die Landkarte schauen – und auf den Radar. In Nordgrönland betreiben die USA die Pituffik Space Base (früher Thule), zentral für Frühwarnsysteme und die Arktisstrategie. Quelle: U.S. Space Force.
Dazu kommen Rohstoffe mit Sicherheitsrelevanz:
- Gold und seltene Erden: Projekte laufen oder werden geprüft (teils mit Blick auf Lieferketten jenseits Chinas).
- Aber: Neue Öl‑/Gasprojekte hat Grönland gestoppt. Das Bild der „Ölinsel“ passt nicht mehr zur Politik in Nuuk.
Was Grönland und Dänemark wollen
- Klare Linie: „Nicht zu verkaufen“ – von Kopenhagen und Nuuk unisono. Quelle: DW.
- Eigenständigkeit als Leitmotiv: Das Unabhängigkeitsthema lebt – 1982 stimmte Grönland für den EG‑Austritt, um mehr Selbstbestimmung zu gewinnen. Heute anerkennt der dänische Selbstverwaltungsakt das Recht auf Selbstbestimmung – aber Außen- und Sicherheitspolitik sind noch dänische Zuständigkeit.
Unser Prüfweg – und offene Fragen
So sind wir vorgegangen:
- Wir haben Trumps Aussagen in offiziellen Transkripten und Leitmedien gegengecheckt (TIME).
- Wir haben Regierungsstatements aus Kopenhagen/Nuuk und US‑Rechtsbegriffe (Territorien vs. Protektorate) geprüft (DOI, DW).
- Wir haben Ressourcendaten und die Bevölkerungszahl aktualisiert (stat.gl, MiningWeekly).
- Die zitierte Toronto‑Sun‑Spottzeile ließ sich nicht verifizieren – wir markieren sie als unbelegt.
Offen bleibt:
- Meint Washington mit „so oder so“ tatsächliche Zwangsmaßnahmen – oder maximalen Verhandlungsdruck?
- Wie weit würden NATO‑Partner gehen, um Dänemark/Grönland abzusichern, falls die USA eskalieren?
- Würde Grönlands Bevölkerung eine beschleunigte Unabhängigkeit überhaupt wollen, wenn der Preis Abhängigkeit von Washington wäre?
Die kurze Wahrheit
- Trumps Druck ist echt. Die Militäroption wurde öffentlich offengelassen.
- Die großen Sprünge sind es nicht. Ein 51. Bundesstaat ist rechtlich/politisch extrem unwahrscheinlich; ein „Protektorat“ à la Puerto Rico ist ein falsches Bild.
- Wenn überhaupt, führt der Weg über Grönlands eigene Entscheidung. Erst Unabhängigkeit, dann eventuell ein Vertrag mit den USA – ein langer, demokratischer Prozess.
Bis dahin gilt: Lautstarke Ansagen ersetzen keine Rechtsgrundlagen. Und Grönlands Zukunft wird nicht in Washington bestimmt, sondern in Nuuk – mit Blick auf Kopenhagen, Brüssel und, ja, auch auf die Arktisradare der USA.